160km in 11 Tagen, zu Fuß bei schönstem Sommerwetter und angenehmster Atmosphäre. Meine bisher längste Wandertour habe ich 2015 nach meinen Prüfungen zum §39er gemacht. Gestartet bin ich in Pirna bei Dresden, über die Sächsische Schweiz bis zur Grenze bei Rájec, über Usti Nad Labem, Litomerice und Terezin, über langweilige Landstraßen bis hin zu meinem Ziel: Prag.

Tag #1:
Zu Beginn habe ich mich in Pirna mit Wasser und Verpflegung eingedeckt, es sollten 33°C werden, die aber bereits am Vormittag gefühlt schon weit darüber lagen. Etwa auf der Hälfte des Weges, noch im Pirnaer Speckgürtel, erreichte ich den Stadtwald und besuchte die Abendrothgrotte. Neben ein paar Joggerinnen und unglaublich fitten Wanderomas war ich hier ungestört. Ich erinnere mich noch gut an den Einfall der Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen und ich war glücklich, endlich unterwegs zu sein. Die 24 Kilogramm auf dem Rücken begannen bereits hier zu drücken aber ich machte an jeder Bank die sich mir bot Pause. Das X1 Tragesystem des Tatonka Rucksackes (Schleichwerbung) war um ein Vielfaches besser als das des Atlas 2 Bundeswehrteils, doch zaubern kann die Technik nicht. Gewicht bleibt Gewicht. Ich machte mir auch etwas Sorgen um meine flachen Deichmann-billig-Treter, die auf der Tour halten mussten und ich verhielt mich zu Beginn auch sonst wie eine unerträgliche Mimose, mir fiel es selbst auf, aber ich war zu aufgeregt, um cool zu bleiben. Ich dachte an das erste Hilfe Zeug, ob zwei Mullbinden überhaupt ausreichen würden und ob die 200ml Desinfektions-Wundspray nicht durch die Hitze verklumpen würden. Ach und hatte ich auch die Ersatzbatterien eingepackt? Wo würde ich meine Kameraakkus laden können, haben die in Tschechien überhaupt 220V Netzspannung? Shit, ich hab ja auch gar keine Zinksalbe dabei!

Im Nachhinein – es ist immer so – machte ich mir völlig unnötige Gedanken. Die Akkus hielten, die Schuhe waren zwar abgerockt, aber ganz ok, erste Hilfe musste ich nicht leisten und sowieso, es mangelte an den Dingen, die man für selbstverständlich hält. So hätte ich mir sicher noch ein zweites Büchlein zugelegt, um die Langeweile zu überbrücken, oder ich hätte lieber noch ein drittes T-Shirt einpacken sollen nebst brauchbarem Reisewaschgel.

ceska-2So stand ich da im Pirnaer Wäldchen und lauschte dem Wind. Ein schöner Ort. Am Ende des Wäldchens ging es für lange Kilometer auf einer kaum befahrenen Landstraße in Richtung Campside Nikolsdorfer Berg.

Dort angekommen, es war ca. 15 Uhr am Nachmittag, laß ich den Hinweis zur Mittagsruhe an der Rezeption, die noch eine Stunde anhalten würde. Erschöpft erkundete ich den Campingplatz, der nahezu vollständig ausgebucht war. Hinter einer meterhohen Tanne fand sich ein zarter Grünstreifen für mein Zelt. Die Hitze war unerträglich, also baute ich nur langsam und träge auf und besorgte mir kaltes Bier. Angenehm andeduselt legte ich mich hin und plante die nächste Strecke, vorbei an Hermsdorf über Bielatal zum Herkuleskopf. Später in der Rezeption riet mir die freundliche Platzwärtin vorsichtig zu sein, wenn ich über meine geplante Route nach Tschechien einreise, da es wohl bereits Fälle gab, bei denen sich irgendwelche Spacken als Grenzbeamte ausgaben und von den Grenüberschreitenden Geld verlangen, als Gebühr oder für was auch immer. Gut wenn man hier weiß, dass die tschechischen Beamten keine Gebühren eintreiben dürfen, sondern nur befugt sind, Personalien aufzunehmen. Alles andere muss auf dem Revier passieren. Naja, ich legte die Gedanken hierzu in den Papierkorb – schnell noch ein paar Postkarten für Mutti besorgt – und richtete mich für die Nacht ein.

Tag #2: Herkulesquelle
ceska-7Ultrafrüh morgens, gegen 12 Uhr, packte ich ein und machte mich auf. Gefrühstückt wurde auf dem Weg, bei einem kleinen Bäcker in Hermsdorf. Ich kann mich einfach nicht an das bejahende „nuuh“ in der Mundart gewöhnen. „Eine Schrippe, bitte.“ – „Nuh, hammoroh. Hees?“ – „Ah, schade, dann bitte …“ 🙂

Gut gestärkt trat ich meinen Weg an, um nach 15km bereits schon Pod Cisarem Kemping zu erreichen, meine erste Nacht in Tschechien. Doch erst besuchte ich die schönen Herkulessäulen, die zufällig direkt auf dem Weg lagen. Ich hatte bei der Planung der Tour nicht wirklich drauf geachtet und eher den Weg geplant, weils auf der Karte gut aussah. Später auf der Tour sollte mir noch ein zweites Mal eine schöne Überraschung widerfahren, aber dazu an anderer Stelle mehr. Auf jeden Fall führte der Weg vorbei an der Herkulesquelle, bei der ich meine Wasservorräte auffrischte. Umso weiter man zum Gipfelpunkt aufstieg, veränderte sich unmerklich die Atmosphäre. ceska-4Plötzlich trat man hinter einem Steinsprung hervor und blickte auf das umgebende Tal herab, aus dem diese markanten Herkulessäulen herausragten. Das Umgebungslicht und die Geräuschkulisse in den verwinkelten Pfaden, die sich durch die komplette Gegend schlängeln, war einfach fantastisch und ich verblieb den kompletten Tag dort.

Diese Steinfelsen sind logischerweise beliebte Kletterfelsen und eine Sehenswürdigkeit im Bielatal. Das nächste Mal fahre ich da hin, um auf diese Dinger raufzusteigen, auf alle Felsen, die es da gibt! (Nachdem ich endlich mal diesen sauteuren Seilkletterschein vom DAV gemacht habe!) 🙂

Erschöpft, aber grinsend, kam ich in Tisá an, um meine erste Nacht in Tschechien zu feiern. Das Pod Cisare Kemping ist ein ganz funktionaler Campingplatz, der auf allen unnötigen Schnickschnack verzichtet. Generell ist das Zelten in Tschechien sehr günstig, man kann z. B. schon für umgerechnet 4€ etwas finden, mit freier Platzwahl und egal wie groß das Zelt ist. Bis in den späten Abend hinein, saß das Inhaberehepaar mit am Feuer, ohne dass man sich mit Worten verständigen konnte. Trotzdem erzählten sie mir eine Menge und ich stellte wieder mal fest, dass man für das Verstehen von Zusammenhängen nicht immer klare Worte braucht. Ich weiß, dass sie zwei Söhne haben, einen Hund (oder mehrere), dass die Frau erst ganz schlimm krank war, das sie oft auf der anderen Seite des Bielatals sind und Deutschland als günstiges Einkaufsland super finden. Nur die Namen, die waren egal. Glücklich und müde legte ich mich zum pennen hin, als dann gegen Mitternacht die vierzigköpfige Schulklettersport-Klasse auf den Platz zurückkam, war die idyllische Ruhe vorbei und an Schlafen nicht mehr zu denken.

Tag #3: Ùstì Nad Labem
Der Weg nach Aussig an der Elbe war gelinde gesagt eine Odyssee, in deren Verlauf mir beide Füße fast explodiert wären. Die Penzion Ùzin in der Nähe von Chlumec (nordwestlich von Ùstì) war geschlossen und es ließ sich auch niemand erreichen. In der näheren Umgebung gab es meines Wissens nach einfach keine Unterkünfte und Wildcampen wollte ich in dieser Autobahn-Fernverkehr-Lastwagenfahrer-Industriegebiets-Einöde auch nicht. So machte ich mich notgedrungen auf den Weg in die Stadt.

Nach weiteren zwei Kilometern fand ich inmitten eines Wohngebiets eine verrauchte Kneipe deren Tür offen stand und aus der Schlagermusik schallte. Ich fragte nach einer Unterkunft und die freundlichen Kneipentypen bestätigten mir, dass es erst wieder in Aussig Unterkünfte gab, dafür aber zahlreiche. Bis zu meinem nächsten Tagesstop in Brná wären es nochmal zwölfeinhalb Kilometer. Es war früher Nachmittag und ich ließ mir erklären, wie ich zu einem Bus gelangen konnte. Die Einladungen zum mitsaufen schlug ich aus und schleppte mich mühsam zur Bushaltestelle.

Dort angekommen, sprach mich eine eine ältere Dame nach der Uhrzeit an. Ich plumpste schwerfällig auf die Bank und dachte mir, zumindest habe ich in meinem desolaten Zustand so ausgesehen, als könne man mich noch vernünftig ansprechen und ich könne auch vernünftig antworten. Wir unterhielten uns eine Weile und sie fing plötzlich an, sich mit mir auf deutsch zu unterhalten. Eine ehemalige Studentin der Sozialwissenschaften, die in ihren jungen Jahren in Düsseldorf gewohnt hat. Ich fragte mich, warum mich jeder sofort als deutsch sprachig erkennt, wenn ich englisch spreche. Ich resümierte, dass ich bisher überhaupt noch kein Geld gewechelt hatte. Der Busfahrer ließ mich natürlich nicht einsteigen, weil man schließlich keine Wechselstube sei (so nach dem klang seiner ärgerlichen Stimme zu urteilen). Alles in allem eine beschissene Situation. Geld von der Frau wollte ich keinesfalls annehmen und sowieso empfinde ich das motorisierte Überbrücken von Strecke auf einer Wanderung irgendwie als Schummeln. So machte ich mich nach einer längeren Pause und weiteren drei vorbeifahrenden Bussen auf den Weg, die restlichen siebeneinhalb Kilometer bis zum Bahnhof anzutreten.

Als ich nach Stunden dort ankam und mit tschechischen Kronen und vollem Magen ausgestattet nach 27 Tageskilometern nun doch noch mit einem Bus die restliche Strecke von fünftausend Metern nach Brná fuhr, versuchte ich den Schaden, der an meinen Sohlen entstanden war, abzuschätzen. Nach der zehnminütigen Butterfahrt konnte ich kaum noch aufstehen, so sehr schmerzte alles. Tapfer dachte ich an die kommenden Tage und wusste, dass alle Wehwehchen heileheile werden würden. Mir war zum heulen zumute und ich hatte keine Lust mehr auf diesen bekackten Rucksack mit seinem bekackten Inhalt in dieser bekackten Stadt und dieser bekackt schönen Abendstimmung. Kurz: ich liebte es.

ceska-1Ernsthaft erfüllt von den Eindrücken dieser unglaublich schönen Gegend, trat ich durch das Gittertor des Brnáer Campingplatzes und ging duschen, kaufte Bier und gesellte mich zu zwei Dresd’ner Kollegen, die mit dem Rad von Prag zurückfuhren und wir unterhielten uns während wir aßen. Alle zwanzig Minuten fuhren zeitlich versetzt auf beiden Seiten der Elbe Güterzüge, die rücksichtslos die idyllische Stille des Abends zerrissen und jeden Menschen weit und breit aus dem Schlaf aufschreckten. Keine hundert Meter vom Platz entfernt verlief das Gleis und es war so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten konnte, solange der Zug vorbeifuhr.

So blieb ich zwei Tage und versuchte meine Wehwechen zu verarzten. Ich hatte einen Tag also „gewonnen“.

(Wander)Tag #4: Litomerice
Nach dieser erholsamen Zeit machte ich mich an einem heißen aber schönen Morgen auf nach Litomerice. Auf der Landstraße fand ich eine Obsthandlung. Ich kann jedem empfehlen bei einer solchen Möglichkeit mal Halt zu machen, wenn Erntezeit für Pfirsiche ist. Es war geschmacklich eine unfassbare Offenbarung. Als ich mit diesem kleinen Zwischenfrühstück fertig war, lief ich weiter die nicht enden wollende Landstraße lang. Bei knallendem Sonnenschein, weiten Wiesen ohne einen einzigen schattenspendenden Baum, erreichte ich Litoermice über das Neubauviertel, der Vorstadt (Pokratice).

In Litomerice angekommen, beschloss ich, Leute anzusprechen, wo man Geld wechseln konnte. Die Wechselkurse schwanken bei den Banken stark und ich hatte mir vor der Reise sagen lassen, dass man einen relativ gleichbleibenden Kurs von 25:1 in den Wechselstuben bekommt. Ohne Gebühren.

ceska-9Auf dem direkt am Wasser gelegenen Campingplatz hatte gerade eine Gruppe aus Holland halt gemacht und alles in Beschlag genommen. Der Durchlauf war riesig, Litomerice ist Sammel- und Ankunftspunkt für viele international Reisende. So traf ich einen jungen Engländer, der nur mit seinem Minirucksack, einem Biwak und einem Buch auf seiner Europatour war und eine Familie aus Frankreich, die sich im Zelt nur flüsternd unterhielten. Ich musste mich ein wenig schonen, meine Fußsohlen waren in einem präkerem Zustand und ich wollte nicht wegen einer Entzündung o.ä. abbrechen müssen. Ich blieb gleich zwei Tage und es waren müßige aber dafür auch extrem langweilige Tage in Leitmeritz. Mir die Stadt anzugucken oder Erkundungstouren zu unternehmen, konnte ich auf jeden Fall vergessen. So lag ich bei 40° im Gras der Wiese und laß das Buch das ich mithatte bereits das vierte Mal durch: „Von Mäusen und Menschen„.

(Wander)Tag #5: Brozany Nad Ohri
Am Morgen meiner Abreise nach Brozany hatte ich endlich wieder was zu tun und summte vor mich hin, als ich das Zelt einpackte. Die katharsische Erfahrung der Langeweile und das zeitweise Abgeschiedensein von anderen macht mich glücklich. Es wirkt wie eine Fastenzeit, eine Kur aus der man erfüllt von Eindrücken und reich an positiver Energie wieder in das Gewohnte zurückfindet und ich befand mich mitten in dieser Kur. Schmerzen, Unannehmlichkeiten, Entbehrungen (zuletzt hatte ich einen Tag vor meiner Abreise richtig gegessen oder frische Kleidung getragen) und die Entspannung nach den Anstrengungen, all dies machte diese Kur überhaupt erst so wirkungsvoll und schön.

Ich kaufte in Leitmeritz nochmal ein bißchen Frühstück ein und machte mich auf nach Brozany. Während ich so lief und Musik auf den Ohren hatte, bemerkte ich auf der anderen Flussseite die Festungsmauern von Terezin. Ich hatte den Namen der Stadt noch nie vorher gehört und blieb an einer Infotafel stehen: Terezin, Theresienstadt. Da läutete was und ich erinnerte mich an das KZ-Theresienstadt. „Für Besucher geöffnet“. Dies war mein erster Besuch an einem solchen Ort und plötzlich wurden die Geschichten der NS-Zeit erschreckend anfassbar für mich.

Geh mir los mit diesen Nazi-Apologeten und Holocaust-Leugnern, Pegida-Anhängern und diesen „Nein,Aber“-Rassisten; als Therapie würde ich empfehlen ungeführt durch eine solche Einrichtung zu gehen und die sich einem aufdrängenden Assoziationen bezüglich eines möglichen Zwecks dieser Gemäuer auf sich wirken zu lassen. Gewalt äußert sich auf verschiedene Weise, aber zuerst fängt sie in Gedanken an. Diese Mauern sind das Manifestum einer menschenverachtenden Ideologie, die in den Menschen über eine lange Zeit herangereift ist; zuerst in Gedanken, durch Stigmaisierung, bald in offener Ablehnung und Ausgrenzung, später dann im Bau solcher Einrichtungen. Wie gut, dass sich nun der besorgte Bürger trauen darf, sich offen rassistisch nach außen zu geben in seiner wahnhaften Angst vor Überfremdung. Zwar fürchte ich mich ein bißchen vor einer breiten, immer größer werdenen Akzeptanz solcher Äußerungen, aber das Gute ist, dass man den Reiter nun erkennen kann. Aber dennoch kann ich nicht akzeptieren, wenn Menschen Gewalt gegen andere Menschen ausüben, indem sie überheblich glauben entscheiden zu können, wer wo sein darf, für wie lange und welchen Menschen Respekt zusteht oder wem man es abspricht. All dies war schonmal da; schlimmer ist aber, dass es vermutlich nie weg war.

(Nachtrag, es gibt einen schönen Artikel in der TAZ von dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer zum Thema: http://taz.de/Konfliktforscher-Wilhelm-Heitmeyer/!5099708/)

Ich verbrachte fast den kompletten Tag in der kleinen Festung, dachte nach und machte mich erst am Abend wieder auf den Weg nach Brozany, zum kleinen Waldcampingplatz. Ein wunderschöner und riesiger Platz. Als ich in der Nacht ankam, war fast niemand sonst dort und es wirkte ein bißchen gespenstisch. Am nächsten Morgen freute ich mich über die Möglichkeit eine warme Mahlzeit zu mir nehmen zu können, es gab nämlich einen kleinen Shop, in dem einfaches Frühstück zu einem supergünstigen Preis zubereitet wurde.

(Wander)Tag #6: Vodochody
Die Schmerzen der vergangenen Tage sind einer allgemeinen Steigerung meiner Fitness und der deutlich wahrnehmbaren positiven Verschiebung meiner körperlichen Belastungsgrenze gewichen. Ich war an diesem Zeitpunkt bereits acht Tage unterwegs, davon sechs Wandertage und hatte in dieser Zeit ca. 90 Kilometer zurückgelegt, über die Hälfte der Strecke bis zum Ziel.

Ich war kurzum so fit, dass ich locker hätte 25 km am Tag hätte laufen können. Das Gewicht merkte ich immernoch sehr, aber es machte mich nicht mehr so fertig. Muskeln sind toll! ^^

Den Weg nach Veltrusy trat ich gestärkt und mit absolutem Bock an, mich zu bewegen. Die Strecke mit langweiligen Landstraßen und verlassen wirkenden Dörfern, passte zwar überhaupt nicht zu meiner Stimmung und die paar wenigen Leute die man antraf mussten aufgrund meines fröhlichen Ahoj’s bei 42° und erdrückender Mittagssonne wohl gedacht haben, ich hätte einen an der Klatsche, aber mir war das egal. Ich hatte diesen Tag eine Hochstimmung, die noch lange anhalten sollte.

Es ist zwar ein unangenehmes Thema, aber das gehört dazu. Was macht man in der präkeren Situation eines nicht aufschiebbaren Grundbedürfnisses unter unpassenden Umständen? Man kanns schlecht auf dem Marktplatz machen, wenn man nicht Gefahr laufen will, dass Bäuerin Hrecnikolova einem mit der Mistgabel verscheucht. Rein pragmatisch gesehen hätte ich ja anbieten können, was zur jährlichen Düngung der Wiesen beizutragen. Aber hinter einem Haus geht das auch nicht. Es gibt einfach keinen Platz sich da aufwändig hinzuhocken, alles vorzubereiten, den Akt durchzuführen, zu beenden, in der Hoffnung, keiner würde einen sehen. Nicht, dass ich davor Angst hätte, dass mir jemand auf den Arsch guckt, aber was für einen Eindruck man hinterlässt, und überhaupt, man muss in Tschechien selbst den Mist seiner Hunde entsorgen, da wäre es eine ganz und gar unfeine Situation gewesen irgendjemandem zu erklären, dass es eine Notsituation gewesen war und so weiter. Eine Lösung musste her! Schnell.

Die Lösung hieß: offensiv werden! Ich klingelte an der nächstbesten Tür. Nachdem ich einer skeptisch nachfragen jungen Frau glaubhaft machen konnte, dass ich kein Russe war und auch sonst nur sanitäre Absichten verfolgte, ließ man mich grinsend auf die Toilette. Die Kids lachten sich kaputt und als ich fertig war, warteten in der Küche auf mich Brot, Obst und etwas zu trinken, was ich unter den neugierigen Gesichtern der Familie zu mir nahm. Die Gastfreundschaft war riesig. Mit der Oma der Familie, die hier noch mit im familiären Haus lebt, unterhielt ich mich gebrochen auf deutsch und auf stümperhaftem tschechisch. Sie fragten mich, ob ich denn nicht wüsste, dass es Züge oder Autos gibt, warum ich so blöd wäre, mich so anzustrengen, es wäre ja so heiß. So würde das nicht weitergehen können, laut der Oma sähe ich ja schon völlig abgemagert aus, der Opa würde mich mit dem neuen Auto der Familie zur Unterkunft fahren, es seien eh nur ein paar Kilometer und diesen Gefallen wollen sie mir machen, ich könne gar nicht nein sagen. Ich verabschiedete mich, speicherte mir noch schnell den Wegpunkt im Navi, ich hatte überhaupt keine Ahnung wie dieses Dorf hieß und fuhr mit dem Opa zum Hotel Amalka in Vodochody. Dort angekommen, mit frischen Äpfeln aus dem Garten der Familie augestattet, sprach ich mit der Rezeptionistin. Eine Nacht, 350 Kronen – ca. 14 Euro.

Das war genau so viel, wie ich noch für den restlichen Weg nach Prag übrig hatte. Ich musste also weiter. Nachdem ich mich mühsam zu einer Bushaltestelle in der Ortsmitte schleppte, verließ ich Vodochody mit dem Bus und dem Gefühl geschummelt zu haben. So ließ ich Vodochody hinter mir, nach 19 Kilometern und 24 kg auf dem Rücken. Die nächste Tagestour würde ca. 17 km lang werden. Die könnte ich keinesfalls heute noch gehen.

(Bus) Wandertag-Rest #6: Vodochody Veltrusy
Am späten Nachmittag kam ich an dem direkt am Fluss gelegenen riesigen Campingplatz an. Hier gab es aus irgendwelchen Gründen keinen kleinen Shop, wie es in Tschechien sonst üblich ist; zumindest in den touristischen Gegenden (ich befand mich noch zwei Tagesreisen von Prag entfernt), aber ein paar Dresdner Leute halfen mir mit Brot und Bier aus, die gerade eine längere Tour hinter sich hatten und nun fast wieder auf dem Weg zurück waren. Ich lernte, wie die Modellbauszene für Flugzeuge funktioniert und warum Tschechien in dieser Disziplin weltweit vorn liegt.

(Wander)Tag #7: Am Fluss
Ab hier begann, nach einer längeren landschaftlichen Durststrecke welche aus öden Landstraßen und kargen Wiesen, tristen Dörfern und vorindustriellen Bezirken bestand, endlich wieder eine schöne Strecke.

Der Weg führte mich von Veltrusy bis nach Klecany, von deren höchsten Stelle aus sich ein fantastischer Blick über die Moldauflusslandschaft nach Westen werfen ließ.

ceska-10Von der Stelle, von der das Foto gemacht wurde, lief man wieder zur Moldau bergab und konnte von hier den kompletten restlichen Weg entlang des Flusses nach Prag gehen. Es waren ab hier noch 10 Kilometer Luftlinie bis zur Stadtmitte.

Ich bildete mir ein, bereits da hinten am Horizont die Prager Domtürme sehen zu können. Eine Nacht müsste ich noch draußen übernachten und ich hatte keine Ahnung wo. Campingplätze sind in dieser Gegend eher spärlich gesäht und so hielt ich auf dem Weg am Fluss ausschau nach einer geeigneten Stelle fürs Zelt.

0386-1Bei einer kleinen Rast an einem Restaurant am Fluss kam ich mit dem Inhaber ins Gespräch und wurde auf ein paar Gläser Bier und selbstgebrannten Schnaps eingeladen. Wir unterhielten uns auf deutsch über den Atomausstieg und ich erfuhr, dass in Tschechien unweit der Prager Innenstadt ein kleiner wissenschaftlich genutzter Kernreaktor steht und warum Deutschland als billiges Einkaufsland so attraktiv ist. Ein paar sehr nette Stunden. Und ein paar sehr nette Promille im Blut später, musste ich mich aufraffen, ich hatte schließlich noch ein paar Kilometer hinter mich zu bringen, um am nächsten Tag nicht zu viele laufen zu müssen. 😉

Der Kater war schlimm. Nach ein paar Stunden war natürlich vom Alkoholrausch nicht mehr viel da, nur noch dieses scheiß Katergefühl. Ich parkte meinen schweren Körper unter einem riesigen Baum dessen Äste in die Moldau ragten – eine Trauerweide. Ein schöner Ort, um sich zur Pause niederzulassen und einfach zu sterben. Als ich mich bereits auf ein trostloses Ende lange vor meiner eigentlichen Zeit und vor allem vor dem Erreichen meines Ziels eingestellt hatte, kam ein erblindeter, vollkommen grau gewordener Biber vorbei und schien überhaupt keine Notiz von mir zu nehmen. Das Tier knusperte gelassen an einem Büschel Löwenzahn und ließ sich dann mit einem leisen Säufzer wieder ins Wasser gleiten. Zufrieden und satt schwamm er auf dem Rücken davon. In mir regte sich der Impuls es ihm gleich zu tun, aber ich fand nicht die Kraft mich aufzurichten und schlief langsam ein.

Mitten in der Nacht, die Uhrzeit war mir nicht bekannt, weckte mich eine laute Fahrradklingel. Ein sportiver Radrennfahrer klingelte im vorbeihuschen und rief etwas Unverständliches. Unter dem Einfluss eines erheblichen Flüssigkeitsmangels und dem daraus resultierenden Pappmaul, kramte ich meine Sachen zusammen und suchte mir ein stilleres Plätzchen etwas weiter oberhalb des Flusstals, in der Nähe mehrerer Häuser, in dessen Gärten ich noch Licht sah.

(Wander)Tag #8: Am Fluss
Am nächsten Morgen traf ich einen älteren Mann, dessen Hund am Schlafsack schnupperte und mich weckte. Er fragte mich, ob ich Interesse an Äpfeln hätte, die in seinem Garten gerade vom Baum fielen.

0175-1Ich ging mit, sammelte ein paar reife Äpfel auf und füllte meine Wasserreserven. Nach diesem kurzen, dafür aber sehr schmackhaften Frühstück machte ich mich auf, die letzte Etappe meiner Dresden-Prag Reise anzutreten. Die Sonne schien und eine Hitze von bis zu 40°C erschwerte das Laufen. Bereits heute Nachmittag schon würde ich in der Prager Innenstadt ankommen, wo meine Reise endete. Die letzten paar Kilometer gingen vorbei wie im Flug und ehe ich es richtig begriff, stakste ich schon die Böschung des Stromovka Parks im Norden hinauf und war von einem Moment zum anderen plötzlich in der Stadt, zwischen geschäftigem Treiben, Restaurants und wohlriechenden Menschen. Erst hier habe ich realisiert, in welcher Verfassung ich rein äußerlich sein musste, denn natürlich sind meine Klamotten und vor allem die Schuhe auch in den paar kurzen Tagen meiner Reise deutlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Vor allem hatte ich nun das Bedürfnis ausgiebig zu duschen und meine Kleidung in einer richtigen Maschine rein zu waschen.

Während des Aufschreibens verblassen Erinnerungen an die Reise und es verblümen sich Ereignisse, aber auf jeden Fall sind nach ein paar Monaten die alltäglichen und unspektakulären Dinge wie das Ordnen und Organisieren des Rucksackes, das Bereiten von heißem Wasser und die kleinen Eindrücke die man während des Laufens sammelte, die Begegnungen, die Entbehrungen und kleinen Qualen, auf dem besten Wege in Vergessenheit zu geraten. Dafür soll mir diese Seite auch nützlich sein; nach Jahren mal nachlesen zu können, wie das eigentlich damals noch war.

Was lange bleibt ist das Nachklingen eines Gefühls und vor allem der Wunsch, mich auf die nächste Reise zu begeben, so schnell es nur irgendwie geht.

 

Ein Gedanke zu „Dresden > Prag

  1. Das solltest du mit jeder Deiner Reisen tun…alles aufzeichnen…wenn Du alt bist, dann hast Du tolle Erinnerungen und Du kannst jederzeit davon zehren!!! Schöne Geschichte ! Küsschen

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