Bis jetzt hat mich mein einfaches Citydamenfahrrad ca. 3500 km getragen, Stadtfahrten nicht mitgerechnet. Es musste die Kette gewechselt werden, die Vorderradfelge und ein paar Speichen. Die Vorderradbremse geht auch immer noch nicht wirklich. Aber auch diese Tour hat das Bike vorbildhaft meine 110 Kilo getragen und hat nicht einmal auch nur aufgemuckt.

  • Liste mit nützlichen Dingen, die das Leben leichter gemacht hätten:
    – gültige europäische Camping-Karte (CKE)
  • – atmungsaktive Regenkleidung anstatt diesen „dichten“ Regenponcho
  • – Ausreichendes und – vor allem – stabiles Werkzeug (10er, 14er, 17er)
  • – Mantelheber und Flickzeug
  • – Imbusschlüsselsatz
  • – unbedingt ein zweites paar trockene Schuhe!

Unsere diesjährige Fahrradtour begann in Rendsburg, vorbei an Kiel, bis Kopenhagen und zurück nach Berlin.

Zumindest war der Plan auf dem Rückweg nach Rostock überzusetzen und bis Berlin weiter zu radeln. Aber der massive Gegenwind war ziemlich zermürbend, weshalb wir ab Rostock unsere Tour in einem Zug beendet haben, ein leichtes Gefühl des Geschummelthabens im Hinterkopf. Doch zu zweit lässt sich das gut wegreden und eine Ausrede finden. 🙂

Eckernförde (Goosefeld) – Laboe – Hofland – 58 km

Gestartet sind wir nach ein paar Tagen Aufenthalt in Goosefeld. Für diesen ersten Wiederreinkommen-Tag wollten wir es langsam angehen lassen: 55km über die Baltic Sea Route (Ev10) bis zum Campingplatz Ostseestrand. Wenn man von Eckernförde aus an der Küste langfährt, kommt man nach ca. der Hälfte der Strecke in das kleine Örtlein Strande, von wo aus eine Fähre nach Laboe übersetzt (aber nur im Sommer) und das kleine Schiffchen die Passagiere und Fahrräder in gemütlichen dreißig Minuten über die Kieler Förde tuckelt. (Alternative: wenn man Lust hat, kann man die Fähre weglassen und die Kieler Förde über Land umfahren. Das sind ungefähr 35 km zusätzlicher Weg.)

_aw_0640-5Von Laboe aus geht es über super ausgebaute Fahrradwege Richtung Ostseestrand, unserem ersten Etappenende, entgegen. Zum Glück hatte ich mir letzes Jahr nach der Rügenfahrradtour diesen superbreiten Sattel für meinen Allerwertesten gegönnt, es bahnte sich nämlich schon wieder eine ausgeprägte Überanstrengung an, die sich in Form eines dumpfen druckempfindlichen Schmerzes meines Ischiums äußerte; und das erst nach 50 km! Ich fühlte mich so Lappenhaft, aber erfahrungsgemäß sind solche Beschwerden nach ein paar Tagen gegessen. Der Sonnenuntergang über Kiel entschädigte mich für alle vergangenen Strapazen._aw_0691-1

Kulinarisch gesehen wollten wir diese Tour zusammen so spartanisch wie möglich leben. Zwar gesund essen, aber dafür nur Selbstgemachtes. Im Vorfeld hatte ich mir Volleipulver und Vollmilchpulver bestellt, ich wollte es mal ausprobieren damit zu kochen. Doch gerade das Volleipulver wurde zu spät geliefert, sodass wir ohne los mussten. Anyhow, who cares? Wer braucht schon EIER? Wahrscheinlich von irgendwelchen Legebatteriehennen, die sich zusammengepfercht mit 20 anderen Leidensgenossinnen alle einen entzündlichen Dekubitus eingefangen haben, der mit Antibiotika behandelt werden musste, damit diese armen Viecher nicht ihr vorzeitiges Ende finden und ihrem Besitzer womöglich noch Gewinneinbußen verursachen.

Hofland – Satjendorf – Lippe – Puttgarden – 80 km

_aw_0794-17Das Frühstück nach unserer ersten Nacht auf der Kopenhagenreise war liebevoll bereitet und gestärkt kramten wir unsere Sachen zusammen. Heute wollten wir bis Puttgarden auf Fehmarn kommen.

Die Strecke fing ziemlich anstrengend an. Eine zeitlang auf der L 165 Richtung Osten, längs entlang kleinster Dörfer oberhalb des Großen Binnensees, rein nach Hohwacht. Kurz nach diesem Städtchen passierten wir den Seelendorfer Binnensee, der eigentlich nur Sumpflandschaft und Brutstätte von zahlreichen Vorgelarten war. Es war bilderbuchmäßig schön, das einzige was ein wenig störte, waren die anderen Menschen. Denn ein kurzes Stück weiter lag nämlich ein riesiger Campingplatz, deren Besucher sich die Gegend unter den Nagel gerissen haben und dem portionsweisen Naturgenuss fröhnen wollten, bevor sie wieder in ihre Plastikcamper zurück vor ihre Bildschirme gingen.

In der Vorbereitung der Tour erkannte man auf den Karten nicht unbedingt den Strand, der, wie sollte es auch anders sein: aus Sand bestand. Also scheiße zum Schieben und für voll bepackte Fahrräder nur bedingt bis gar nicht geeignet waren. Meine Attitude ist es allerdings erstmal weiterzugehen. Die zu Beginn des Sandstrandes von Hinten deutlich vernehmbaren geäußerten Zweifel an der Fahr- und Schiebetauglichkeit der kilometerlang weithin einsichtigen Strecke aus – rate mal – Sand!, zerstreute ich mit meinem naiven Optimismus und dem vagen Gefühl, weiter hinten käme bestimmt noch ein befestigter Weg, wieder zurück auf die dicht bewachsenen Anhöhen rechts. Schließlich hatte das Navi sowas behauptet!

_aw_0702-21Nach ein paarhundert Metern gab ich auf, schweißnass. Im Nacken spürte ich das höhnische Grinsen ob meiner navigatorischen Untauglichkeit. Von nun an war ich nicht mehr so selbstsicher und gab die Leitung der Navigation größtenteils ab. Nun hatten wir den Salat und standen mitten auf einem kilometerlangen Sandstrand. Wir haben wohl ein klägliches Bild abgegeben; nach einer Weile kamen nämlich die ersten Menschen und berichteten uns, das es tatsächlich einen Weg heraus aus dieser Sandhölle gab und wir fanden schließlich einen schmalen Pfad, der für ein paar Meter sehr steil bergan führte. Wir hievten unsere Bikes samt Gepäck da hoch und standen in einem Dickicht aus dornenbewachsenen giftigen Büschen. (Ok, das ist übertrieben.) Nach längerem Suchen fanden wir ein kleines Schlupfloch im Gestrüpp und erst als wir dieses passierten, erkannten wir den Trampelpfad der uns zu einem kleinen Bach herunterführte. Es hätte keinen Unterschied gemacht; von der Anstrengung her hätten wir auch auf dem Sand weiterschieben können.

Über Stock und Stein zerrten wir unsere Bikes, bis wir schließlich wieder den Track erreichten, der uns stracks zu einer leckeren Überraschung führte, die das Universum für uns bereithielt. Ab hier wurde der Weg auch wieder befahrbar. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir gerademal zwanzig Kilometer zurückgelegt, von fast achtzig.

_aw_0709-24Der Weg führte weiter an der Küste entlang und wir kamen an eine Abzweigung nach Oldenburg. Als Alternative kann man auch den Weg durch das große Waldgebiet Richtung Heiligenhafen an der Küste weiterfahren, um später an der richtigen Seite der Brücke rauszukommen, die nach Fehmarn überführt. Wir sind aber über Oldenburg In Holstein gefahren und ließen uns von einem einheimschen Einsamen ein stadtbezogenes Historienkottlett an die Backe labern. Interessant war es schon, aber nach einer ausgeschweiften Mahlzeit hab ich alles wieder vergessen. Es fehlte, glaub ich, der regionale Bezug. Geschwächt vom vollen Bauch, vergingen die nächsten Kilometer bis zur Brücke an der Großenbroderfähre recht zäh und ich hätte mir eine Hängematte gewünscht.

_aw_0952-25Auf Fehmarn angekommen folgten wir der direkten Strecke zum Puttgardener Grenzübergang. Rund 14 Kilometer langweiligste Bundesstraßenatmosphäre auf dem Seitenstreifen. Von meinem Os Ischii möchte ich gar nicht mehr anfangen, um euch nicht zu langweilen. Es wurde schon dunkel und wir mussten uns beeilen. Wir waren fast allein auf dem Campingplatz und besorgten uns ein paar kalte Biere und flezten uns vors Zelt und betrachteten den sterbenden sonnenroten Abendhimmel. Nun waren es noch zwei Tage bis Kopenhagen und von neuem keimte in mir diese hoffnungsvolle Gespanntheit auf, die ich immer bei Grenzübergängen spüre. 😉 Obwohl ich ja nicht an Grenzen glaube. Für mich würde es auf jeden Fall das erste Mal Dänemark werden.

Puttgarden – Rodbyhavn – Orehoved – Verdingborg – 70 km

Die Fähre landete pünktlich in Rodbyhavn. Es war Mittagszeit und das Wetter schlug langsam von Heiter zu Bedeckt um. Es zogen dichte Wolken am Horizont auf und der Wind blies stetig. Ich erkenne ja schon von weitem Gewitter und habe dabei selten recht. Also wurden wir an diesem Tag wieder verschont, was apokalyptische Weltuntergangszenarien und hagelspuckende Orkane angeht, die aus gigantischen Gewitterzellen erwachsen.

_aw_0731-13Das erste was mir auffiel, als wir auf einem schönen einsamen Pfad kurz vor Holeby fuhren, war: ein Lidl. Och nee, oder? So muss es sich anfühlen, wenn man im Skarja ein wenig abseits der Zivilisation eine von Vollspacken unachtsam zurückgelassene Rewe-Tüte findet. Da ist doch der Urlaub gleich weniger schön. Ich sollte später aber noch einsehen, dass diese Discounter durchaus positiv waren. Die Wolken blieben in weiter Ferne und wir fuhren durch Maribo, einem schönen Örtchen, durch das der Ev10 führt. Ort für Ort trugen uns unsere Fahrräder stracks Richtung Nordosten Kopenhagen entgegen. Bei Orehoved befuhren wir die ca. drei Kilometer lange und 40 Meter hohe Brücke auf dem schlaglöchrig  ausgebauten Fahrradweg und freuten uns über den fantastischen Ausblick. Noch mehr hat uns aber gefreut was wir kurz vor Vordingborg auf der kleinen Halbinsel nach dem Übersetzen (Masnedo) vorfanden. Es war Ende Juli und eine riesengroße Fläche mit reifen Brombeerbüschen erwartete uns kur nach der Brücke und wir pflückten so viel, we wir tragen konnten, es war mehr als genug da. Später verarbeiteten wir diese schmackhaften Beeren in einem Joghurt und stopften uns damit voll, glücklich konnten wir nun der Nacht entgegengehen.

_aw_0826-3In Vordingborg campierten wir auf dem Ore Strandcamping, einem zu dieser Jahreszeit angenehm geräumigen Landeplatz für jede Art von Touristen und Heimkehrer. Für viele ist dieser Campingplatz, 65 km von der Fährüberfahrt in Rodbyhavn entfernt, die letzte Übernachtung in Dänemark, bevor es zurück nach Deutschland geht. Und andersherum. Für uns war es die erste Übernachtung in Dänemark. An dieser Stelle war uns noch nicht klar, dass die Europäische Camping Card (kurz CKE) nochmal ein wichtig werden würde. Einige Plätze machen diese Karte nämlich zur Voraussetzung zum Übernachten. Ohne ist meistens dann nichts zu machen, außer eine Ein-Tages-CKE für gutes Geld zu kaufen. Rate mal, die ist aber nur für eine Nacht gültig.. 😛

Vordingborg – Roskilde – Kopenhagen – ca. 120 km

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Der Tag begann mit einem Frühstück allerfeinster Art: einem seemännischen Labskaus! Als Beilage gabs Matjes und kleine Gewürzgurken, und Rote Beete! Ein feines Mahl. Skorbut sollten wir damit nicht bekommen. Und überhaupt blieben wir uns bis hierhin unseres Vorsatzes treu, keine Scheiße in uns reinzuschaufeln. Also nicht wörtlich, sondern sinngemäß. „Du bist was Du ißt“, ist ein Sprichwort, welches mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist.

Von hier aus war es eine anderthalbstündige Reise mit dem Zug nach Kopenhagen. Wir haben uns entschieden den restlichen Hinweg mit dem Zug zu fahren, um entspannter zu Reisen und mehr Zeit für die restliche Tour zu haben. So machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof und fuhren über Roskilde nach Kopenhagen.

_aw_0756-16Wir hatten den genauen Plan, wohin, wann und überhaupt. So fuhren wir, frisch und froh über die gewonnene Zeit, in Richtung Bellahøj Camping, im nordwestlichen Teil der Stadt. Keine fünf Kilometer vom Zentrum entfernt. Preislich lag dieser spartanisch eingerichtete Platz genau in unserer Liga. Kein pompöser Schnick-Schnack. Rudimentäre sanitäre Einrichtungen, aber dafür ehrlich. Die Odyssee, die bis zum Abend andauern sollte, begann mit der Erkenntnis, dass der komplette Campingplatz von der Stadt Kopenhagen für die gesamte Dauer des Copenhagen Historic Grad Prix als zentraler Stützpunkt der Rennleitung zwangsakkreditiert worden war. Für den normalen Campingverkehr gesperrt, kein Durchkommen in den inneren Ring. Wir sollten es ab Acht Uhr des darauffolgenden Abends versuchen.

_aw_0752-15Wow. plötzlich gewinnt Datenvolumen und mobiles Internet eine ganz andere Bedeutung im Leben, dachte ich zumindest. Hätten wir uns mal rechtzeitig informiert. Aber es gab ja noch mehr Campingplätze, ich meine, wir waren in Kopenhagen und nicht in Vedderwadermühlen! Gesucht, gefunden: DCU-Camping im westlichen Teil der Stadt, auch keine zehn Kilometer von der Innenstadt entfernt. Alles sehr aufgeräumt und riesig. Im Gespräch mit der Mitarbeiterin in der Rezeption fand ich heraus, dass wir unbedingt diese CKE-Karte benötigen würden und wir diese tagesweise Quasiversicherungskarte auch gegen einen Aufpreis kaufen könnten, was wir zwar nicht wollten, aber es gab eine Waschmaschine und einen Trockner, welche wir dringend brauchen konnten. Also entschieden wir uns, ohne diese CKE-Karte, für den Quick-Stop; vor dem Zaun auf einem kleinen Rasenstück unser Zelt aufzuschlagen. Für diejenigen unter den Reisenden, die ankamen, wenn die Rezeption schon geschlossen war. Wenigstens konnten wir so duschen und unsere Wäsche waschen. Es ist ja eine der schönsten Dinge für Reisende ihre Kleidung nach langen anstrengenden Passagen und mühseligen schweißtreibenden Etappen säubern zu können, und am Abend vorm Zelt im letzten übrigbehaltenen sauberen Backup-Pullover einen vollmundigen Rotwein zu genießen. So war unsere Idee. Wir probierten aber, bekleidet mit unseren Backup-Klamotten, die ganze Nacht bis 4 Uhr früh in einem wahnhaften Anfall von Ungläubigkeit über die nicht funktionierende Technik, diese bekackte Waschmaschine zu benutzen, aber es ließ sich nichts machen. Wir sahen uns schon stinkend, in einem Restaurant sitzend, die angewiderten Blicke der Einheimischen auf uns ziehen, aber irgendwann gegen acht Uhr Früh öffnete die Rezeption. Wir erfuhren, dass die Waschmaschine von zwei Uhr bis sechs Uhr früh in der Nachtruhe nicht benutzt werden kann. Ähm, ok, danke! „Aber warum wurden die Gebühren für die jeweils missglückten Versuche in der Ruhezeit dann auf die Karte gebucht?“ Das sei ein „Fehler des Systems, es erkennt nicht, ob die Maschine auch anspringt und tatsächlich wäscht, oder nicht. Abgebucht werde trotzdem.“ Freundlicherweise lud die Dame in der Rezeption unsere Karte erneut auf und stornierte die Gebühren der missglückten Waschversuche. So saßen wir nach drei Stunden schlaf, kurz nach Acht Uhr Morgens vor der Trommel der Maschine und betrachteten die katharsische Zusammenarbeit von Wasser, Waschmittel und Rotation. Die zyklischen Bewegungen beruhigten. Was uns aber am meisten beruhigte war die Gewissheit, dass wir in wenigen Stunden hier abhauen würden und zukünftig DCU-Camping meiden wollten, wo es geht. Ansonsten: netter Campingplatz! 😉

_aw_0799-27Nachdem die Wäsche einigermaßen trocken war, machten wir uns abfahrbereit, um in die Innenstadt zu fahren und dort den Tag am Wasser zu verbringen. Pflichtprogramm waren auf jeden Fall die Sehenswürdigkeiten Kopenhagens, die Meerjungfrau und die alte Zitadelle. Für Mami noch schnell ein paar Fotos besorgen und auf gehts ans Wasser. Bis wir ins Bellahoj Camping einchecken konnten, waren es noch etwa zehn Stunden hin. Wir kauften also im Supermarkt ein und setzten uns ans Wasser. Für mich hatte die Stadt ein merkwürdiges Flair. Auffallend war das Verhalten der Fahrradfahrenden. Die Absicht stehen zu bleiben, zeigten viele mit gebeugtem Arm, die Finger zur flachen Hand gestreckt. Für mich als Vielfahrer war das was neues. Später versuchte ich das hier im Stadtverkehr auszuprobieren und nachzuahmen, aber wahrscheinlich konnten damit viele Leute nichts anfangen, ich habs dann irgendwann wieder aufgegeben. Auffallend war auch, dass leichte Regelverstößchen im Stadtverkehr, wie z. B. das Spurwechseln ohne Ankündigung, oder das Abbiegen ohne Anzeige, bereits heftige Reaktionen der Abneigung hervorrufen konnten und diszipliniert warten ausnahmslos alle, wenn die Ampel rot ist.

Im Vergleich zu Berlin ein krasser Unterschied der Anständigkeit und gegenseitigen Rücksichtnahme. Nicht auszudenken, dieser erbitterte morgendliche Krieg am Alexanderplatz, dieses sich gegenseitig Wegdrängeln an der grünen Ampel. Vierzig Fahrradfahrende stehen vor der roten Ampel in einer meterlangen Schlange auf dem Fahrradweg. Als es gelb wird, fahren alle gleichzeitig los. Dazu wird geschrien und ungehobelt rumgepöbelt, geprügelt, mit Essensresten geworfen – es werden Mütter beleidigt – es ist apokalyptisch. Noch bevor man an seinem Ziel angekommen ist, ist die Laune im Keller und der Stress der Straße verschafft sich im Büro gegenüber den Kollegen Luft, oder welche Personengruppen auf der Arbeit üblicherweise sonst die schlechte Laune abbekommen. Dieser Effekt potenziert sich um so heftiger, je doller man sich vor der Fahrt vorgenommen hat, sich über nichts zu ärgern und zen zu sein, irgendwann platzt man doch.

_aw_0767-29Die meiste Zeit über saßen wir am Wasser, wo es uns gefiel und haben unser üppiges Frühstück gehabt. Am Nachmittag fiel leichter Nieselregen und wir suchten in einem nahegelegenen Café unterschlupf. Ich erinnere mich noch an unsere erste Nacht in Dänemark, vor ein paar Tagen in Verdingborg. Wir gingen in ein italienisches Restaurant und ließen für ein paar Bier und zwei mittlere Pizzen über fünfzig Euro dort. Es ist also nicht gerade oft möglich auszugehen, ohne viel Geld dabei zu haben. Gerade Alkohol und Tabak sind sehr teuer, wie in allen skandinavischen Ländern. So besorgten wir unsere Lebensmittel die meiste Zeit in Supermärkten und machten es uns irgendwo am Wasser gemütlich. Ich schätze, dass für zwei so spartanisch Reisende wie uns, pro Tag 30€ für eine gute Verpflegung und Unterkunft (Zelt) ausreichen sollten.

Als es Abend wurde, und uns schon ziemlich langweilig, fuhren wir zum Bellahoj Campingplatz, auf dem schon reger Betrieb herrschte. Lastwagen, Kräne, Bagger und andere Baumaschinen waren fleißig damit beschäftigt, die Rennbahnbegrenzungsbetonpoller zu verladen und den Boden wieder herzurichten. Das einchecken verlief einfach und eine Camping Karte wollten die Leute da nicht sehen. Der Platz ist zentral gelegen, keine fünf Minuten von der Innenstadt entfernt. Die Betreiber sind nett und haben auch mal den ein oder anderen Tip übrig. Die sanitären Anlagen sind zwar räudig, aber haben gleichzeitig auch etwas von echtem Zeltplatzflair. Hier perfektionierte ich die wohl sicherste Weise, meine Klamotten komplett auszuziehen, ohne, dass diese jemals nur auch den Boden oder die Wände berührt hätten! Und auch die Füße verließen niemals das bekannte Terrain meiner Badelatschen. Wie es mit älterer Plastikcamperausrüstung so ist, fängt diese in ständiger Witterung natürlich an Feuchtigkeitsschimmel zu entwickeln, aber mit ein bißchen Gewöhnung relativiert sich das alles schnell und man entspannt sich beim ausgiebigen Bad. Der Preis für einen innerstädtischen Campingplatz ist mit 10€ für zwei Personen und Zelt pro Nacht, wie ich finde, angemessen.

_aw_0778-30Die Stadt ist an manchen Orten regelrecht idyllisch. Wie hier oben, nahe des Regierungsviertels. Erwähnenswert ist auf jeden Fall die Freistadt Christiania, der autonome Stadtteil Kopenhagens. Wie ein großer Basar für Touristen bieten die Bewohner hier allerlei Dinge feil; Dope, Bekleidung, Fingerfood, Geschnitztes, Leuchtarmbänder, Pfeiffen, Instrumente und vieles mehr. Gutbürgerlich gekleidete Menschen verlassen den Platz mit geröteten Augen und sichtlich heiterer Stimmung. Viele Touristen und Einheimische besuchen Christiana und ziehen dort einen durch – quasilegalisiert, aber solle man was gekauft haben, muss man beim Verlassen der Freistadt aufpassen; außerhalb wird der Besitz und Konsum von Marihuana nicht mehr geduldet. Andere wiederum schlendern nur rüber oder setzen sich auf ein paar Biere vor die große Bühne, auf der regelmäßig, auch innerhalb der Woche, Programme stattfinden.

Die Tage verbrachten wir zum Frühstück im Zelt und verließen Bellahoj gegen Mittag Richtung Innenstadt. Wer einmal da ist, muss auch die berüchtigte Strøget besuchen, mit 1,1 km die längste Fußgänger-Einkaufsmeile Europas. Hier haben wir uns dänisches Softeis und diese HotDogs mit der roten Wurst einverleibt. 🙂 Die Moneten verflüssigten sich allerdings in rasantem Tempo und auch der Tag der Abreise rückte näher.

Kopenhagen – Greve Strand – Koge – 70 km

_aw_0758-28Am Himmel der letzten paar Tage zeichneten sich zunehmend düstere Wolken ab und die Wettervorhersage für unsere Weiterfahrt sah nicht rosig aus. So regnete sich der Tag unserer Abreise gemächlich ein und wir saßen notgedrungen im Zelt und spielten. Ich liebe diese Atmosphäre ja sehr. Doch leider mussten wir wirklich zurück, ob mit oder ohne Nieselregen. Nach den bisherigen Tagen haben wir eine ganz gute Aufgabenaufteilung beim Zusammenpacken unseres Krams entwickelt. Es flutschte und schnell waren wir wieder unterwegs und fuhren südlich stadtauswärts über kleine Dörfer, durch winzige Waldstücke und vorbei an kleinen Seen, Richtung Gedser. Bald fuhren wir im Starkregen, was anfangs noch tierisch Spaß gemacht hat. Plastiktüten als behelfsmäßiger Regenschutz um die Füße gewickelt halten zwar leichtere Tropfen ab, doch auf Dauer geht das nicht. Spätestens als wir aber in Koge ankamen, waren  wir bis auf die Knochen nass, vollständig. Vorbei an Schießständen dessen Knallen und Rattern man noch in Kilometern Entfernung hören konnte, überraschte uns in dieser romantischen Geräuschkulisse aus Autobahnlärm und Gewehrschüssen plötzlich dieser heftige Regen. Mein Regenponcho sorgt leider bei längerem tragen dafür, dass ich innen genauso naß werde wie außen. Das nächste Mal packe ich mir Ganzkörperregenüberzieher ein. Der Poncho ist eigentlich für meine Rucksacktouren gedacht.

_aw_0818-31Das Wetter blieb beschissen und zu allem Überfluß gesellte sich dem Regen noch ein harter Südwestwind hinzu. Es war teilweise unmöglich zu fahren und als wir dann vor Koge waren, haben wir beschlossen uns in eine Bahn zu setzen und bis nach Gedser durchzufahren; dem Grenzübergang nach Rostock.

Doch leider hatte die Bahn gerade just an diesem Tag einen Schienenersatzverkehr eingerichtet und die Busse konnten keine Fahrräder transportieren. Was für eine Scheiße. So standen wir da, durchnässt bis auf die Haut. Die Mitarbeiterin eines Lebensmittelladens im Bahnhofsgebäude war so freundlich, uns den Kaufpreis der so voreilig am Automaten bezahlten Zugtickets zurückzuerstatten. Wir verließen Koge auf der Landstraße Kogevej, die vorbei an Faxe bis nach Praesto führte. An dessen linker Seite lag ein paar Kilometer stadtauswärts der schlecht beleuchtete Campingplatz Vallo Camping. Wir haben nicht wirklich lange überlegt und fuhren stracks auf die Lichter der Einfahrt zu. Klamotten trocknen, aufwärmen und pennen. Es war kurz nach 22 Uhr.

Koge – Harlev – Karise – Faxe – Praesto – 50 km

_aw_0708-26Weiter führte uns der Weg von Koge über Faxe nach Praesto. Mit dem Wetter hatten wir erstmal Glück und blieben trocken. Die Klamotten von gestern waren teilweise noch immer sehr feucht. Nach einer endlosen Fahrt über den Kogevej (209), fanden wir uns am Ende des Tages in Praesto ein.

Diese alte Hafenstadt mit indirektem Zugang zur Ostsee hat es uns persönlich sehr angetan. Erstmal ist das Flair in der Innenstadt einzigartig minimalistisch. Zum Verlieben, und zweitens war der Campingplatz eine Wucht. Ich habe mir im Vorfeld gedacht, dass man solche Perlen nicht an die große Glocke hängen darf, weil sie sonst zwangsläufig mit zunehmender Popularität ihre Würze und Authentizität verlieren, aber. Die Besitzer in alter Familientradition, die Stellplätze vorwiegend für Dauercamper, alles gemütlich eingerichtet und gepflegt – mit Abstand die schönsten liebevoll eingerichteten Badekabinen, die ich bisher gesehen habe – sehr faire Preise, perfekt für Backpacker oder Fahrradreisende, liebenswertes Personal und Dauergäste, direkt an einem kleinen verwachsenen Fluss gelegen.

_aw_0840-23Hier spürt man deutlich, dass es schön gemacht wird, weil es für die Inhaber selbst schön sein soll. Nicht, weil es der „Service“ sein muss. Nicht, weil man sonst „Kunden“ verliert. Hier kommst Du Dir vor wie ein Mensch, der nicht nur zum bedürfnisorientierten Mangelwesen degradiert wird, bei dem das Wichtigste nicht seine Brieftasche ist. Hier fühlte ich mich richtig als willkommener Gast. Nicht annähernd ein Vergleich mit diesen DCU-Geldscheffel-Anstalten!

Praesto – Kalvehave – Bogo By – Stubbeköbing – 40 km

Am nächsten Morgen radelten wir leichten Herzens weiter, im Versprechen verbunden, diesen Platz nochmal irgendwann mit dem Motorrad zu besuchen. Es ging südwärts. Die Strecke hier ist ziemlich gut ausgebaut. Gerade ein paar Kilometer von der Küste entfernt, merkte man es deutlich: der Wind war mitunter recht stark und machte mir viele der geilsten Streckenabschnitte madig. Wenigstens regnete es nicht, aber der permanente böige Südwestwind raubte mir fast den letzten Nerv, sodass ich auch überhaupt nichts von der Landschaft mitbekam, die mich umgab. Wirklich; wir hatten seit Kopenhagen penetranten Gegenwind! 🙂 Nachdem wir die schmale Landzunge vor Bogo By passiert hatten, warteten wir, nach einem regelrechten Kampf gegen den Wind, schließlich am Fähranleger auf die Fähre und setzten über nach Stubbeköbing.

_aw_0935-32Der dortige Campingplatz wollte wieder die Europäische Camping Karte sehen und so waren wir schlußendlich bereit, eine solche Tageskarte zu kaufen, die uns zuvor auch schon die DCU in Kopenhagen andrehen wollte. Es sollte ja auch sowieo unsere letzte Nacht in Dänemark sein. Wir chillten also und lernten ein älteres Paar aus den Niederlanden kennen, die unsere Nachbarn waren. Sie erzählten uns, dass sie bereits das zehnte Jahr infolge Long-Distance-Reisen mit dem Fahrrad unternehmen. Ein rustikales liebenswertes Paar, mit einem sympathischen Hobby. 😉 Wie zum Hohn verbesserte sich jeden Abend zu späterer Stunde das Wetter. So saßen wir am Stubbeköbinger Strand, in der Nähe unseres Zeltplatzes, unterhielten uns bis in die dunkle Nacht und spielten Schach unter LED Beleuchtung im Zelt.

Stubbeköbing – Moseby – Marielyst – Gedser – 50 km

Die letzte Etappe auf unserer Tour führte an der Küste längs nach Gedser, dem Rostock’schen Grenzübergang. Hier haben wir noch einmal das Flair der kleinen Dörfer aufgesogen und fuhren zum Schlendern und Eis essen in Marielyst ein. Diese kleine Stadt mit maritimer Touristik hatte seinen eigenen Charme. Kilometerlang säumten sich die Bungalos entlang der Straße und Touristen und Langzeitcamper belebten die Fußgängerzonen der kleinen Küstenstadt. Am Horizont braute sich schon wieder eine dichte Wolkenfront zusammen und diesmal sollte ich Recht haben mit meiner Wetterfrosch-Vorhersage. Wir verließen Marielyst südseitig, über den Berlin-Kopenhagen-Radweg, den wir nun ja rückwärts fuhren.

_aw_0694-12Zu Beginn der Tour war verschiedenes Werkzeug bei uns doppelt vorhanden, aber gerade der einzige 10er ging uns kaputt. In den Tiefen unserer Satteltaschen ließ sich nach längerem Suchen tatsächlich noch ein robustes Werkzeugset finden, dass zukünftig auf allen kommenden Touren mit dabei sein muss. Auf diesen billigen Wochenend-Werkzeug-Bedarf-Shit kann man auch gut verzichten. Bricht ja zum unpassendsten Zeitpunk sowieso einfach mal durch, wenn man es grad braucht, so wie hier beim Versuch den Sattel einzustellen.

Aber auch ohne Werkzeug und mit einem Totalschaden am Fahrrad hätte ich mich gefreut – kaum zu fassen, dass ich das mal sage – endlich Rostock zu erreichen. Alles, Hauptsache nicht mehr diesen bekackten Gegenwind aushalten!

_aw_0963-20Die Fährfahrt hatte für mich ein klein wenig Wehmut übrig und ich saß auf Deck, während Hasischnucki unter Deck im Duty-Free Shop Produkte der Hygiene besorgte. Ich trank mein letztes Tuborg und beobachtete die ganze Zeit diese Möve, die dem Schiff hinterherflog. Sie war die Attraktion der gesamten Überfahrt. Einige Leute warfen Brotstücke nach ihr und praktisch jede Person auf Deck hatte das Smartphone in der Hand. Sie inspizierte gelassen dieses laute, große Objekt, auf dem immer Futter zu finden war. Es gingen nun ein paar Wochen der Anstrengung und Entspannung zuende. Es war uns bereits klar, dass wir ab Rostock weiter mit dem Zug fahren würden und das restliche schlechte Gewissen hatte sich bereits verflüchtigt. Was davon noch übrig war, wurde erfolgreich mit ein paar Partien Schach und ein paar Lübzer Pils neutralisiert. 🙂

Sollten wir die Tour nochmal fahren, dann andersherum. Von Berlin nach Kopenhagen, mit der Hautpwindrichtung!

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