Juli 2013. Die Initialzündung für alle kommenden Wanderaktionen war eine Reise mit meinem alten Kumpel Silas nach Eberswalde, wo ein anderer alter gemeinsamer Kumpel Forstwirtschaft studierte und eine WG-Party schmeißen wollte. Wir dachten, es wäre cool einfach zu Fuß dahin zu laufen, Zugfahren ist doch Lame. 😉

So liefen wir los, 75 km Strecke.

img_0365_ebersmalde-tour_2013-andereWir gingen vom Frankfurter Tor aus immer straight nach Norden. Silas mit einem preiswerten Cityrucksack ausgestattet und ich mit einem alten ausgedienten Militärmonstrum, dessen Tragegurte alles andere als komfortabel waren. Eingedeckt mit Getränken und ein paar getrockneten Pflaumen, ging es los. Über die Indira-Ghandi-Strasse verlief die Strecke nach Weißensee in Richtung Norden eher langweilig in urbanem Stadtumfeld, stadtauswärts über die Schönerlinde Strasse, vorbei an Bungalows und Weizenfeldern.

img_0357_ebersmalde-tour_2013-andereZugegeben, mit dem ganzen Gepäck durch die Innenstadt zu gurken – es gibt wohl schönere Dinge im Leben – aber wir hatten Bock und waren noch jung. Als wir nach 15 km die A10 gequert haben, immernoch im Stadtbereich von Berlin, schlugen wir westlich ins freie Gelände ein, dem Sumpfgebiet (Bogensee) entgegen, in dem wir irgendwo vor Försters Blicken geschützt pennen wollten. Bei unserem ersten Versuch einen Platz im angrenzenden Buschland zu finden, hat dieser uns sofort entdeckt und freundlich aufgefordert zu gehen, nachdem wir schon das Zelt aufbauen wollten. Frechdächse, die wir sind, schlugen wir nur ein kurzes Stück weiter unser Lager auf, inmitten eines feuchtwarmen Moorgebiets. Der Boden war wunderbar weich. Aber falls uns jemals wieder eine solche Idee einfallen sollte, haut uns bitte gründlich in die Fresse! Nur ein Wort: Mücken.

Es war kaum möglich irgendetwas anderes zu tun, als sich permanent irgendwo am Körper diese fiesen kleinen Scheißviecher abzuwischen. Kochen war genausowenig möglich, binnen kürzester Zeit füllte sich unser Kochwasser mit ihren Kadavern. Diese nahrhafte Einlage wollten wir dann doch nicht so gern in unseren Nudeln haben. Wir waren ja auch nicht auf einer Survivaltour.

Als wir uns schließlich geschlagen gaben und das Feld ins moskitonetzgeschützte Zelt räumten, erwachte um uns herum das ungeduldige Leben. Wir konnten unter uns im feuchten Boden Maulwürfe spüren, die fleißig ihre Gänge gruben und mal hier, mal da, neben uns und in der Apside auftauchten. Oder röhrendes Rotwild, das aufgescheucht durch unseren fremden Geruch durch das Dickicht krachte. Eine Eule eulte bilderbuchmäßig irgendwo in der Ferne – es war aufregend.

Der nächste Tag gestaltete sich maßgeblich durch monotones Gehen und wir merkten schon deutlich das Gewicht und unsere Sohlen. Für Silas wurden die Füße zu einer Qual, aber er war einfach der Terminator. Aufgeben kam überhaupt nicht in Frage – heute Abend würden wir den Liepnitzsee erreichen, um jeden Preis. Durch ein kleines Waldstück kamen wir auf die Hobrechtsfelder Chaussee, die außer ein paar Einkaufsläden keine weiteren nennenswerten architektonischen oder kulturellen Highlights zu bieten hatte, zumindest keine, die uns bekannt wären. Zuvor hatten wir in dem kleinen Waldstück allerdings ein riesiges Forschungslabor entdeckt, wo wir Wasser auffüllen konnten und uns nochmal den Weg Richtung Norden erklären lassen haben, der menschlichen Kommunikation und Freundlichkeit wegen – in Anbetracht eines funktionstüchtigen Navigationsgeräts.

Wir erreichten die Schönower Heide, ein 3,5km² großes Naturschutzgebiet, auch beliebtes Ausflugziel für die gestressten BerlinerInnen.

Was man auf dem Bild hier nicht so gut erkennen kann, ist die Aufschrift des kleinen Schildes neben dem Weg: „Betreten Verboten. Munitionsverseuchtes Gebiet.“

Seit dem ersten Weltkrieg wurde das Gelände militärisch genutzt und das Gebiet war teils heftig umkämpft. In Friedenszeiten, bis 1991, wurde der Teil als Truppenübungsplatz von den Alliierten verwendet und ab dem Jahr 2000 schließlich, bekam das Areal den Status als Naturschutzgebiet. Aber eine Nutzung war aufgrund der starken Monitionsbelastung schwierig. Nach und nach entwickelten sich Konzepte zur Bewirtschaftung und Nutzung des Heidegebiets. Beim Betreten des Weges, bemerkten wir kein solches Schild und waren um so verwunderter, als wir es beim Herausgehen entdeckten. Wir hätten also durch alte Landminen draufgehen können? Ab jetzt guckten wir ein wenig genauer hin, aber alle Bedenken verflogen nach einer Weile wieder und die Schönheit dieses Mischwaldes, drängte sich uns mit aller Kraft auf.

Silas kämpfte sich mit seinen geschundenen Sohlen optmistisch Meter um Meter weiter und auch ich hatte meine Probleme mit diesem bekackten Militärrucksack. Wie konnten die Soldaten der Bundeswehr mit diesem Teil, 40 Kilo Gewicht und 30 Kilometer Strecke machen? Unser heutiges Tagesziel war mit 18km schon grenzwertig für uns ungeübte Luschen. Gegen Abend erreichten wir endlich den See und ab hier setzte der psychologische Effekt ein: sobald das Ziel nicht mehr weit und das Ankommen absehbar ist, wird jeder Schritt doppelt so anstrengend. Nach weiteren dreitausend Metern erreichten wir unsere Lagerstätte, direkt am „Haupteingang“ des Sees. Es war schön, wir waren allein, nahmen unsere letzte Mahlzeit zu uns und pennten sofort ein.

Ich erwachte durch ein Zuckeln, daß durch das Zelt ging. Ein kurz darauffolgendes „Sorry!“ von draußen machte klar, dass ein bekackter Jogger über die Zeltleine gestolpert war. Müde öffnete ich das Vorzelt und lugte raus. Wir befanden uns mitten in einer Gruppe von RentnerInnen, die zum Nacktbaden am Ufer standen und sich auf das kalte Wasser vorbereiteten. In dem desolaten Zustand konnten wir unmöglich die letzten 35 km schaffen und der See lag traumhaft in der Landschaft. Die Omas und Opas wussten, was gut war. Die Atmosphäre war ernsthaft gigantisch schön und wir wollten einen Tag bleiben, baden und chillen. Unsere Klamotten sollten wir erst wieder anziehen, als es nach Eberswalde weiterging. *Katzenbabys* Aber in dem FKK-Rentnerparadies sind wir kaum aufgefallen. Außer Silas, dessen fetter Bauch und Hängetitten sich geringfügig von denen der anderen abhebten – aber mein Adoniskörper! Die straffen Oberarme und der dezent definierte Sixpack …

Die RenterInnen waren weg und wir hatten den See für uns allein. Fast. Aber es ist schon verwunderlich, dass zu dieser Jahreszeit – mitten im perfektesten Sommer seit Jahren – so wenig Leute da waren. Vielleicht liegt das an der extrem hohen Bleibelastung des Wassers? In Tschernobyl hätte man nicht schöner baden können! Aber wir schaufelten uns sowieso schon seit Beginn der Reise diese genmanipulierten Datteln rein und tranken Alkohol, also was soll’s? 😉

Wir fingen Fische und ließen uns von der Atmosphäre aufwärmen, unsere Batterien laden und Silas Wehwechen besserten sich langsam, sodass wir am nächsten Tag wieder völlig ausgeruht losmaschieren konnten. 35 km nach Eberswalde. Yeah. Um euch diese langweilige Scheiße zu ersparen: wir kamen vollkommen zerstört an. Und auch alle Sehenswürdigkeiten – die es auf der Strecke zu Hauf gibt – interessierten uns einen Scheiß. In Eberswalde lagen wir auf dem Boden vorm Hauptbahnhof und kniffen die Augen zusammen, so anstrengend war alles. Wo blieb Malte?

Die restlichen 2 km bis zu seinem Zuhause konnten wir einfach nicht mehr. Er musste uns mit dem Auto abholen, regelrecht aufgabeln, wie totes Wild auf die Laderampe verfrachten und los gings – Richtung Kühlschrank und kaltem Bier. Die Feier, deretwegen wir ja überhaupt erst losgelaufen waren, verlief am nächsten Tag regelrecht spektakulär und wir genossen die Anerkennung, die diese Naturfreunde-ForstwirtschaftsstudentInnen aus Eberswalde uns Wanderern entgegenbrachten.

Alles in allem hatte diese Wanderung alles was man sich wünschen konnte. Nachtaction, Gruselfaktor, Katharsis, Beanspruchung und der Coolnessfaktor ist auch nicht zu unterschätzen, denkt man. 🙂

Die nächsten Wanderungen habe ich leider nicht mehr mit Silas gemacht, aber vielleicht werden wir beide zukünftig mal über die Alpen nach Italien laufen, was Silas? 😉